Hooligans

Gewalt als Selbstbehauptung

 „Wir sind die Macht“ – Wandlungen der Zuschauergewalt im Fußball von Prof. Dr. Gunter A. Pilz

Wochenende für Wochenende sind Hunderttausende auf Achse, um in der Atmosphäre des Stadions einen Hauch von Abenteuer, Macht, Nervenkitzel, Risiko und Spannung zu erleben oder sich im Umfeld des Stadions bei Zoff und Randale selbst Abenteuer und Spannungserlebnisse zu verschaffen. Von stiller, genießender Teilhabe bis hin zu enthusiastischer Begeisterung, von humoristischen Gesängen und Sprechchören bis hin zu provokativer Häme und verletzenden Verbalinjurien und mehr oder weniger ernsthaften Keilereien reicht die Spannbreite fußballfanspezifischen Verhaltens. Vor allem die so genannten Hooligans inszenieren immer wieder aufs Neue oft mit bewundernswerter Kreativität und strategischen Finessen postmoderne 'Indianer'-, 'Räuber-und-Gendarm- Spiele'. Spiele, die leider aber auch den Boden inszenierten, karnevalistischer Schlägereien verlassen, zu blutigem Ernst werden und nicht selten zu brutalen Gewalttätigkeiten entgrenzen. Im Folgenden werden nach einem kurzen historischen Abriss Ursachen und Bedingungen der Zuschauergewalt im Fußball aufgezeigt und Möglichkeiten der Prävention diskutiert.

Zur Geschichte der Gewalt im Umfeld von Sportereignissen

Die Gewalt im Umfeld von Fußballspielen gehört neben dem Doping zu den in den letzten Jahren am häufigsten diskutierten Problemfeldern des Sports. Zuschauerausschreitungen werden dabei zumeist als eine neue Erscheinung gesehen die sich vor allem nach den Ereignissen um das Europapokalendspiel zwischen Liverpool und Turin 1985 in Brüssel, als 39 Fußballfans bei Ausschreitungen ums Leben kamen, zu einem gravierenden sozialen Problem entwickelte. Aber bereits von den Wettkämpfen der Antike sind Zuschauerausschreitungen überliefert. Die Analysen und Ratschläge des Militärschriftstellers TACITUS in seinem Buch über die Verteidigung befestigter Plätze und über die Sicherheitsmaßnahmen bei den Dionysien in Chios lesen sich „wie der Einsatzplan eines heutige Polizeipräsidenten für sportliche Großveranstaltungen“ (LÄMMER 1986,80). In Olympia gab es beispielsweise besondere Einheiten, die für die Aufrechterhaltung der äußeren Ordnung bei Sportfesten sorgten. Diese „Stock- und Peitschenträger“ genannten Beamten (Vorläufer der modernen Beweissicherungs- und Festnahmeeinheiten?) sorgten bei diesen Festen für Ordnung und hatten das ausdrückliche Recht körperlicher Züchtigung. In  den Schriften der damaligen Zeit wird empfohlen, bei Fackelläufen, Wettkämpfen und anderen öffentlichen Veranstaltungen auf der Hut zu sein und durch überlegte Postierung von Sicherheitskräften an strategisch wichtigen Punkten jede Möglichkeit zum Aufruhr im Keim zu ersticken. Um 450 vor Christus sah sich die Heiligtumverwaltung des Stadions von Delphi genötigt, nachdem wiederholt betrunkene Zuschauer bei Wettkämpfen randalierten, die Mitnahme von Wein in den inneren Bereich des Stadions zu untersagen, wobei Denunzianten die Hälfte des Strafgeldes in Aussicht gestellt wurde, um diese unpopulären Maßnahme zum Erfolg zu verhelfen.

Auch aus dem Mittelalter sind uns gewalttätige Auseinandersetzungen im Umfeld von Sportwettkämpfen überliefert und Ende des 19. Jahrhunderts sorgte man sich in England „um die steigende Zahl unkontrollierter Fans“ (DUNNING 1984, 124). Im Jahre 1908 wendet sich ganz offensichtlich aus ähnlichen Beweggründen der Fußballverein SV Werder Bremen an die Polizeidirektion Bremen zur Bereitstellung von 2 (!) Beamten, um vor herumpöbelnden Zuschauern geschützt zu werden. „Der Grund unseres Gesuches“ so der SV Werder Bremen – „ist unsere Schutzlosigkeit gegenüber dem pöbelhaften und auch schädigenden Benehmen ganzer Truppen halbwüchsiger und auch älterer Burschen“ (WALLENHORST/KLINGEBIEL 1988).

Waren die Zuschauerausschreitungen in der Antike und im Mittelalter noch weitestgehend im Kontext mit der gesellschaftlich erheblich höheren Gewalttoleranz und Akzeptanz individueller körperlicher Gewalt zu sehen, so sind die Pöbeleien, der Vandalismus, die Gewalt, Ende des 19. Jahrhunderts/Anfang des 20. Jahrhunderts eher im Zusammenhang mit dem eigentlichen Sport-/Spielgeschehen zu sehen. So berichtet das Mitglied der 54-Meistermannschaft von Hannover 96 Heinz Bothe: „Krawall kam immer vor. Ich kann mich gut erinnern, dass meine Frau - ich glaube, da spielten wir gegen Göttingen - einem was mit dem Regenschirm übergehauen hat, weil er über mich gemeckert hat. So was kam schon immer mal vor. (...) Aber doch nicht in den Ausmaßen, dass es da Massenschlägereien gab, und Polizei da war. Kannten wir überhaupt Polizei?“

In den 30er bis weit in die 50er Jahre war das Verhältnis von Zuschauer und Spieler durch Interaktion geprägt. Dass dabei die Anhänger als „Schlachtenbummler“ bezeichnet wurden, hat seine Ursache in der militärischen Tradition des Fußballsports. Es war das Militär, das in Deutschland am gesellschaftlichen Aufstieg des Fußballspiels wesentlich beteiligt war. Der Durchbruch des Fußballsports zu einem Massenphänomen in den 20er Jahren zu dem sich das Fußballspiel in den 20er Jahren entwickelte, erfolgte wie PEIFFER/TOBIAS (1996) aufzeigen, u.a. durch die aktive Unterstützung des Militärs. „Das Persönlichkeitsbild eines idealen Fußballspielers entsprach dem des modernen Soldaten“. Es wundert so denn auch nicht, dass in die Fußballsprache die Sprache des Militärs Eingang gefunden hat: Angriff, Abwehr, Flanke, Schuss, Bombe, Bomber, Granate sind heute noch gängige Begriffe im Fußballerlatein. Konsequenterweise trafen sich die gegnerischen Mannschaften zu „Schlachten“ und lieferten sich auch nicht selten „Schlachten“ auf dem „Schlacht“-feld. Zu diesen Schlachten "bummelten" denn auch die "Schlachtenbummler", die "Schlachtrufe", „Schlachtgesänge“ anstimmten. Schlachtruf, so steht im Bundesligakurier vom 12. Februar 1966 zu lesen,  ist der „Ausdruck einer begeisterten Zuschauermenge im sportlichen Geschehen, die eine ihr genehme Mannschaft durch einen periodisch wiederkehrenden, bestimmten Slogan zu Höchstleistungen beflügelt“.

Ein Blick in moderne Fußballstadien weist auf einen weiteren Wandel hin. Aus breitflächigen Stadien, in denen die Zuschauer bis unmittelbar am Spielfeldrand standen, sind Arenen mit Drahtverhauen geworden, hinter denen Zuschauer und Fans wie Raubtiere gehalten und von den Akteuren ferngehalten werden.

Aus „Schlachtenbummlern“ werden - verfolgt man die Berichterstattung in den Tageszeitungen - ab Mitte der siebziger Jahre mehr und mehr "Fußballfans" die sich - in der negativen Variante in „Fußballrowdies“, „Fußballrocker“ und Mitte/Ende der achtziger Jahre „Hooligans“ ausdifferenzieren (siehe PILZ 2004). Dabei können wir eine interessante Parallele festmachen bezüglich der Entwicklung, Ausdifferenzierung von Spieler- und Zuschauertypen: So wie aus dem Spieler zum Anfassen, dem Spieler als „greifbarem subkulturellen Repräsentanten“  der distinguierte Star wurde, dessen Treue, Verbundenheit zum Verein nicht einmal mehr langfristige Verträge, geschweige denn die soziokulturelle, lokale Verwurzelung, sondern allein die Höhe der finanziellen Zuwendungen bestimmten, so wandelte sich denn auch der kumpelhafte Anhänger zum leidenschaftlichen Fan und schließlich zum coolen distinguierten Hooligan, als letzte Stufe der Distanz von Spieler, Verein und Zuschauer. Der Fan und Star sind zwei Seiten einer Medaille, deren aktuelle und fortgeschrittene Variante der ausgekochte Profi ist, der flexibel und cool wie ein elitärer Hooligan die regionale Vereinsgebundenheit ebenso abstreift, wie sein Trikot und dort auftritt, wo das meiste Geld bezahlt wird, respektive beim Hooligan, wo die „beste Action“ abgeht (BOTT 1988) .

So steht im Erstgutachten der Unterkommission Psychologie der Gewaltkommission der Bundesregierung: „Das Fanverhalten spiegelt die Erfolgs(Leistungs)betonungen unserer Gesellschaft wider. Der Erfolg wird recht einseitig am Spielergebnis (Spielstand) gemessen. Dagegen treten andere Werte zurück. Der Spielerfolg setzt sich auch direkt in Geld um. Es entsteht die Gleichung „Erfolg = Geld“. Dies impliziert: Im Leistungssport sind Leistungsträger – und wie wir wissen mittlerweile auch Unparteiische käuflich. Auf dem Spielermarkt ist offensichtlich die Mitsprache der Sportler so weit eingeengt, dass ernsthaft darüber diskutiert werden müsste, wie weit hier die Menschenwürde verletzt wird. Die Heranwachsenden nehmen diese Art von Degradierung ihrer Idole wohl diffus wahr, ohne sich im Allgemeinen davon kritisch distanzieren zu können. Der aggressive Konkurrenzkampf um einen Stammplatz in der Mannschaft nimmt Einfluss auf die aggressiven Tendenzen der Fans. Dies wird kaum durchschaut, denn es ist eingebettet in eine Vielzahl von Normen, die vom jungen Mann aggressives Durchsetzungsverhalten verlangen“ (LÖSEL u.a. 1990, 75).

Dabei kann man Hooligans bezüglich ihrer Selbstkonzepte und Motivationen in zwei Gruppen einteilen. Die einen (vornehmlich mit niedrigem Bildungsniveau) finden auf der Suche nach Macht und Selbstbehauptung in der Gewalt und der Gruppe der Hooligans ihre eigene Kraft, ihre Selbstwertgefühl. Die anderen (vornehmlich mit höherem Bildungsniveau) finden auf der Suche nach Selbstdurchsetzung durch die Auslebung der Gewalt „authentische Erfahrungen“ von Spannung, Abenteuer und Lust, kurz: den ultimativen Kick.

„Hier regiert der FC…“ Hooligans auf der Suche nach Macht – das Selbstkonzept der Selbstbehauptung

Das Jugendalter gilt als Lebensphase, in der der Heranwachsende eine psychosoziale Identität aufbauen muss. Diese Verwirklichung von personaler Identität ist heute erschwert. Junge Menschen wollen nicht nur passiv Lernende in Institutionen sein, sie brauchen auch Bestätigung, Engagement und sinnvolle Aufgaben. Herausbildung einer positiven Identität, die im Jugendalter geleistet werden muss heißt deshalb positive Antworten auf die drängenden Fragen geben: „Wer bin ich?2“ „Was kann ich?“  „Wozu bin ich da?“ „Wohin gehöre ich?“ „Was wird aus mir?“

Im Gewaltgutachten der Bundesregierung (SCHWIND/BAUMANN 1990) wird entsprechend beklagt, dass junge Menschen vor allem in der Schule heute fast nur noch erfahren, was sie  n i c h t  können, nicht aber das, was sie können. Oskar NEGT (1998) hat deshalb zu Recht darauf hingewiesen, dass der Kampf vieler junger Menschen eigentlich um die Frage geht: Was bin ich in dieser Gesellschaft? Was bin ich überhaupt, wer nimmt mich wahr?

Daraus ergeben sich kulturelle Suchbewegungen mit denen sie diese Probleme zu lösen versuchen. Bieten sich Jugendlichen keine oder kaum Möglichkeiten, sich durch etwas hervorzutun, bleibt ihnen oft nur noch der Körper als Kapital, den sie entsprechend ausbilden (modellieren) und Anerkennung- und Aufmerksamkeit suchend einsetzen. Hier ist eine der Wurzeln für den „Kult des Körpers“ und „Kult der Gewalt“ zu sehen, die so besehen auch eine Form jugend-, meist jungenspezifischer Identitätssuche, Identitätsentwicklung sind. So begründet ein Hooligan die Faszination des Hooliganismus mit den Worten: „Beweisen: Leute, mit mir nicht! Stärke zeigen, das Gefühl der Stärke. Wenn wir auftauchen, so 20-30 Mann, dann schlucken die anderen. Und die Schlägereien haben halt auch Spaß gemacht. Es ist irgendwie ein heißes Feeling, wenn man da hin latscht, irgendwo in der Stadt, und die Leute gehen auf die andere Straßenseite und so weiter, das ist einfach irgendwie eine Befriedigung, das Gefühl der Macht, die haben Angst vor Dir, das ist stark.“

Ein anderer meint: „Die ganze Woche muss man die Schnauze halten, zu Hause keinen Ton riskieren, im Betrieb darfste nichts sagen, dafür geben wir am Wochenende so richtig die Sau ab. ... Fußball ist für uns Krieg. Wir sind die besten. Der Verein kann ruhig verlieren, wir schlagen alle.“ Ein Hamburger Hooligan äußert sich schließlich wie folgt: „Mein Vater war mal Hamburger Meister im Paddeln. Wenn der mit seinem Paddelboot als erster da durchs Ziel gekommen ist, war er der König, war er der Geile. Und ich bin eben der Geile dann, oder denk´ ich mir wohl so, dass ich mir dann meine Lorbeeren verdien´, wenn ich eben einen da entdecke, der vor mir auf ´m Boden liegt.“

Dabei ist im Fußballumfeld auch festzustellen, dass sich unter die gewaltfaszinierten Fußballfans und Hooligans Rechtsradikale mischen. Dies hat nach WIPPERMANN (2001, 7) auch damit zu tun, dass „rechtsradikale Gewalttaten für die Täter (unbewusst) den Charakter eines Events haben. Sie werden begriffen als eine Veranstaltung mit einer besonderen Ästhetik, emotionalen Aufladung und Gemeinschaftserleben und sind darin motivationspsychologisch anderen Events ähnlich. Rechtsradikale Gewalt hat also heute diese Doppelstruktur von Ideologie und Erlebnissehnsucht“. Der hohe Eventcharakter macht die gewaltfaszinierte Hooliganszene für rechtsradikale Gewalttäter attraktiv. Wie problematisch, ja dramatisch gerade dieser letzte Punkt ist, zeigt die der Tatsache, dass nahezu alle jugendlichen Gewalttäter ein gemeinsames Merkmal aufweisen: Sie haben oder entwickeln keine Schuldgefühle bezüglich ihres Gewalthandelns, und die früher im großem Umfange vorhandenen Selbstregulierungsmechanismen gehen in der Fan- und Hooliganszene - von den Jugendlichen zumeist selbst beklagt - immer mehr zurück.

Die Hooligans verhalten sich dabei wie die Fußballspieler: Sobald diese den Platz betreten, lassen sie die Verantwortung für ihr Verhalten in der Kabine: Erlaubt ist nicht nur was das Regelwerk vorschreibt, sondern alles, was der Schiedsrichter nicht sieht bzw. nicht pfeift. Ganz ähnlich äußern sich Hooligans: „Wenn es Verletzte oder gar Tote gibt, sind nicht wir schuld, sondern die Polizei, die nicht rechtzeitig genug eingegriffen hat.“ Dabei entwickeln diese Jugendlichen ein sehr ambivalentes Verhältnis zur Polizei: Auf der einen Seite beklagen sie sich, wenn die Polizei konsequent eingreift und damit mögliche Auseinandersetzungen bereits im Keime erstickt, auf der anderen Seite finden sie es aber auch nicht gut, wenn die Polizei gar nicht oder zu spät eingreift. So werden Bundesligastädte und -stadien von den Jugendlichen danach eingestuft, wie gut oder wie schlecht man sich dort prügeln kann. Dabei haben Hooligans ein klares Bild von dem wie die Polizei einzugreifen hat: Für den Außenstehenden zu hartes zum Teil sogar brutales Eingreifen wird von vielen Hooligans mit der lapidaren Bemerkung abgetan: „Wenn wir unseren Spaß haben, sollen ihn auch die 'Bullen' haben. Wenn wir Scheiße machen, dürfen wir uns nicht beklagen, wenn die 'Bullen' es uns zurückzahlen“. So sagte ein Hooligan nachdem er durch Gummiknüppel der Bereitschaftspolizei erhebliche Blessuren erlitten hatte und in die Flucht geschlagen wurde, wörtlich zu mir: „Heute waren die 'Bullen' aber gut drauf!“

„Wir sind die Hauptsache“ Ultras als Bewahrer der atmosphärischen Seele des Fußballs

Seit Mitte bis Ende der 90er Jahre stieg die Zahl der Ultra-Gruppierungen in Deutschland rapide an. Die leidenschaftliche, südländische Kultur des Anfeuerns, die so genannte „Groundhopper“, die in Spanien und Italien unterwegs waren, mit nach Deutschland brachten, ist sehr beliebt. Vor allem ihre extravertierte Art der Vereinsunterstützung und die Selbstdarstellung der Ultras, sowie der enge, freundschaftliche Zusammenhalt der Gruppe faszinieren jugendliche Fußballanhänger. "Ultra" sein bedeutet dabei, eine neue Lebenseinstellung zu besitzen, „extrem“ zu sein, „durchzudrehen“, Spaß zu haben, Teil einer eigenständigen neuen Fußballfan- und Jugendkultur zu sein. Im Gegensatz zu den Hooligans besitzen sie nur eine Identität - ihre Ultra-Identität, die sie auch während der Woche ausdrücken. Alles andere, wie die Schule, der Beruf, die Freundin oder die Familie muss sich dabei dem Fußball unterordnen. Ultras beschreiben in Interviews ihr Fandasein als Mischung aus An- und Entspannung - als „Arbeit“, bei der sie bis in die letzte Minute höchst konzentriert sind und körperlich wie verbal alles geben, und als Rauscherlebnis, als „Flow“ (CIKSZENMIHALYI 1992), bei dem sie einfach alles rundherum vergessen, sich fallen und nur noch von ihrer Leidenschaft, ihrem Gefühl leiten lassen: Die folgenden Aussagen mögen dies verdeutlichen:

Wir sind kritische und vor allem mündige Menschen, denen niemand das Denken und das Anprangern herrschender Missstände verbieten kann und wird. Wir verwehren uns ausdrücklich dagegen, ein ungeliebter Teil dieses „Events“ Fußball zu sein... „Wir sind die Hauptsache! WIR sind das Spiel und der Verein (bzw. dessen Reste). Wir sind der Grund, warum Fußball nach wie vor eine große Faszination auf Menschen jeder Altersklasse ausübt. Es ist zwar allgemein bekannt, dass ohne die treuen Fans in den Stadien nicht mehr viel los wäre, dennoch muss man es immer wieder in aller Deutlichkeit hervorheben, damit auch der Letzte begreift, was er an uns hat.“.... (http://www.ultras-frankfurt.de/portal/modules.php?name=selbstverstaendnis, 05.01.2006)

Das Fußballstadion wird hier wieder zu einem wichtigen Ort des Ausgleichs des Seelenhaushaltes der Menschen moderner Industriegesellschaften. In einer Gesellschaft, wo die Menschen nur noch daran gemessen werden, was sie haben und nicht danach, was sie sind, steigt auch das Bedürfnis selbst kreativ zu sein, etwas zu schaffen, nach eigenen Vorstellungen aufzubauen und verändern zu können, etwas zu bewegen, auf etwas Einfluss zu haben, wie uns NEGT (1998) gezeigt hat. Dem Fußballstadion kommt deshalb eine wichtige Rolle im Sinne der Kompensation zu.

 

Von der Inszenierung zur Entgrenzung von Gewalt

In seiner Fallstudie zu Formen fußballbezogener Zuschauergewalt zeigt Leistner (2008) eindrucksvoll auf wie sich die spieltagsbezogenen „Aggro-Inszenierungen“ auf den Rängen außerhalb konkreter Spieltage zunehmend entgrenzt. Leistner (2008, 119) spricht – anlehnend an die Aussage eines führenden Ultramitglieds – von einer „Parallelliga der Ultras“: „Also, das ist so, dass ich ne parallele Liga entwickelt hat, dass du auf der einen Seite deine Liga im sportlichen Bereich hast und dann halt noch ne Liga hast so in deinem Umfeld (Maik, Gründer und führenden Ultra-Mitglied).“ In dieser Parallelliga findet ein Leistungsvergleich zwischen rivalisierenden Ultragruppierungen statt, der an Spieltagen sich zum einen in Selbstinzenierungswettkämpfe um die kreativste, provokanteste Choreografie, um den besten Gesang, zum anderen durch inszenierte und ritualisierte Gewaltformen (Werfen von Gegenständen, Abfeuern von Leuchtspurgeschossen und Bengalos, Platzsturm) äußert, zum anderen spieltagsunabhängig in Form von entgrenzter, brutalisierter Gewalt, wie z.B. gangtypische Gruppengewalt, verabredete Dritt-Ort-Auseinandersetzungen; Überfälle auf Züge und private Feiern. (siehe auch die nachfolgende Tabelle, Leistner 2008, 129)

  Form der Gewaltausübung Intensität der Gewaltausübung
a) spieltagsbezogene Gewalt Platzsturm - ritualisierte Aggro-Inszenierungen
- Eskalationsdynamik ist abhängig vom Spielverlauf, dem Gewaltpotenziel der Fans und dem Verhalten der Polizei
  Zugüberfall - direkte Konfrontation (geplant)
- Einsatz von Schlagwaffen
b) spieltagsunabhängige Gewalt gangtypische Auseinandersetzungen - direkte Konfrontation (z.T. zufällige Aufeinandertreffen)
- Schlägereien, z.T. auch Raub (Handys, Jacken)
  Überfall auf Privaträume (Wohnungen, Feiern) - direkte Konfrontation (geplant)
- Einsatz von Schlag- und Schusswaffen

 

Die spieltagsbezogenen, ritualisierten Formen der Gewaltausübung sind für die jungen, sehr jungen „kalkuliert-erlebnisorientierten“ Fans vor allem deshalb attraktiv und erweisen sich als „sanfter“ Einstieg in die fußballspezifische Gewalt-Eventkultur, weil das Gewaltgeschehen kalkulierbar ist, u.a. durch die Anwesenheit von Ordnern, Begleitung und Trennung der Fans durch die Polizei. Im Schutz von Ordnungsdienst und Polizei können die gegnerischen Fans gefahrlos provoziert, und Machtdemonstrationen gezeigt werden (Leistner 2008).

Zum Abstecken von Machtbereichen werden aber auch an Spieltagen in Form von Revierkämpfen typische Revierkampflagen gesucht und provoziert. So zum Beispiel wenn sich die Ultras der Heimmannschaft nach dem Spiel zielgerichtet über den Parkplatz der Gästefans bewegen und die dort in ihre Autos steigenden Fans angreifen und zusammenschlagen. Ein engerer Personenkreis innerhalb der Ultragruppierungen sieht Gewaltaktionen im Zusammenhang mit Fußballveranstaltungen zunehmend als elitäre Abgrenzung im eigenen Gruppenkontext. Damit verbunden ist eine deutlich erhöhte Anzahl gewalttätige Aktionen, die von den Protagonisten der Szene nicht einer kurzfristig von Emotionen getragenen Veränderung zuzuschreiben sind, die etwa im Zusammenhang zur unbefriedigenden sportlichen Entwicklung in der Bundesliga und im Einzelfall frustrierenden Spielverläufen zu erklären wäre.

Es ist vielmehr so einzuschätzen, dass Teile der Fanszenen in einem sich verändernden Selbstverständnis hier bewusst und organisiert Grenzen der Legalität ausloten und überschreiten. Dabei wirkt sich die Problemstellung vor allem außerhalb der Stadionanlagen aus, wo sich die Polizei verstärkt mit dem Auftreten gewaltbereiter und gewalttätiger Mobs konfrontiert sieht. Es zeigt sich, dass der Eventcharakter solcher Mob-Bildungen gerade für junge Fußballfans in den Ultraguppierungen oder in deren Umfeld in hohem Maße attraktiv ist, so dass die qualitative Fehlentwicklung eines engeren Kerns gewaltfaszinierter Personen der Ultraszene von der quantitativen Entwicklung durch Mitläufer zusätzlich verschärft wird.

Die von der spieltagsbezogenen ritualisierten Gewalt abgekoppelte spieltagsunabhängige Gewalt hat sich nach Leistner (2008, 129) in dreifacher Weise entgrenzt und brutalisiert:

  • die Auseinandersetzungen verlagern sich von öffentlichen und gemeinsam akzeptierten Gewalträumen in das Privatleben der Beteiligten.
  • Die Gewalt richtet sich auch gegen Unbeteiligte
  • Es kommen neben Schlagwerkzeugen auch Waffen zum Einsatz

Leistner (2008, 130) macht in diesem Kontext auf einen wichtigen Korrekturbedarf, der bisherigen fußballbezogenen, soziologischen Gewaltforschung aufmerksam, wenn er kritisiert, dass bezüglich der Bewertung von Gewaltinszenierungen von Ultras immer das Vorhandensein eindämmender Begrenzungsmechanismen quasi automatisch vorausgesetzt werde. Dieser begrenzende Rahmen bricht nämlich zunehmend zusammen, vor allem wenn:

  • Aufgrund der räumlichen Nähe die fußballspezifische Rivalität einer territorialen Logik folgt, in deren Folge lokale Jugendgangs um sozialräumliche Dominanz in ein einzelnen Stadtteilen kämpfen
  • etablierte und wirksame Verständigungskanäle zwischen den rivalisierenden Fangruppen abbrechen,
  • staatliche Interventionsinstanzen in zweierlei Hinsicht abwesend sind: zum einen sind sie in den neu entstehenden Gewalträumen (Schule, WG, Disco) faktisch nicht präsent, zum anderen wird Polizei als Interventionsinstanz abgelehnt und deren Konfliktlösungskompetenz grundsätzlich bestritten,
  • der subkulturelle Bedeutungszuwachs des gewaltförmigen Leistungsvergleichs zu einem grundlegenden Wandel der Auslegung gewaltbezogener Normen führt (Leistner 2008, 130).

Genau diese Entwicklung ist zurzeit auch im Zusammenhang mit einem wachsenden „Gewaltevent-Tourismus“ in Fußballfanszene zu beobachten. Szenekundige Polizeibeamte, Fanprojektmitarbeiter und Fanbeauftragte nehmen zunehmend mit Sorge wahr, dass bei Auswärtsspielen in den Sonder- und Entlasterzügen bis zu 200 „Fans“ mitreisen, die bei Heimspielen nie im Stadion gesichtet werden.

Dabei ist in Deutschland eine weitere Entwicklung zu beobachten: Das Auseinanderdriften von Ultras der Neuen und der Alten Bundesländer. Hier wird von den jeweiligen Ultragruppierungen eine Kultur der Feindschaft aufgebaut und gepflegt, die sich in Richtung eines „Klassenkampfes bewegt.“

Von der Inszenierung zur Entgrenzung von Gewalt: Ultras auf dem Weg zu Hooltras?

Ein Problem stellen die Gewaltbereitschaft, das offene Bekenntnis zur Gewalt, dar, die offensichtlich zum Lifestyle der Ultras als Eventkultur gehörend, mittlerweile von fast allen Ultragruppierungen in ihren Internetseiten propagiert wird. Die Ultraszene ist auf dem Weg sich von der Gewaltfreiheit zu verabschieden und immer mehr auch hooliganähnliches Verhalten, gepaart mit ultraspezifischen Aktionen zu zeigen, so dass ich von einer Entwicklung, bzw. Ausdifferenzierung der Ultras hin zu Hooltras spreche, dies auch, um den noch kleinen Teil der gewaltbereiten Hooltras von der überwiegenden Zahl friedlicher Ultras klar zu unterscheiden.

„Wir distanzieren uns nicht grundsätzlich von Gewalt. ...sicherlich mag für einige Menschen Gewalt der falsche Weg sein, um Probleme zu lösen, wir merken hier lediglich an, dass es in unserer Gruppe verschiedene Strömungen gibt und motivierte Leute in allen Bereichen vorhanden sind, sei es im kreativen, optischen Sektor oder eben im Sektor der 'sportlichen Betätigung' auf der Strasse.“ (http://www.ultras-frankfurt.de/portal/modules.php?name=selbstverstaendnis, 05.01.2006)

Mit diesem offenen Bekenntnis zur Gewalt werden auch die Spott- und Hassgesänge ihres vermeintlichen harmlosen und spielerischen Rituals enthoben und als ernst gemeinte Lebensphilosophie gepriesen. Es verwundert so besehen auch nicht, dass Kenner der Szene auf Grund der Tatsache, dass sich die Ultras offen zu Gewalt bekennen und diese auch leben und sich Hooligans mehr und mehr auch in den Ultrablöcken aufhalten, davon ausgehen, dass Ultras und Hooligans sich verbünden und noch stärker gemeinsame Sache machen.

Die Frage, die sich bei diesen Beschreibungen der Wandlungen der Fan-, hier besonders der Ultraszene stellen, ist vor allem: Wie konnte es zu solch einem Wandel in Bezug auf die Einstellung zu Gewalt, bzw. Gewaltlosigkeit kommen. Eine Antwort geben die Ultras selbst in dem sie darauf hinweisen, dass die zunehmende Verregelung ihrer als Freiraum reklamierten Kurve, die in ihren Augen zunehmenden Repressionen seitens der Ordnungsdienste und Polizei, dazu führen, dass sie sich von der Gewaltlosigkeit verabschieden. Dies ist sicherlich ein vordergründiges, aber auch nicht ganz von der Hand zu weisendes Argument: Gerade wo die Jugendlichen in unserer heutigen Leistungsgesellschaft ständig erfahren, was sie nicht können und nicht dürfen, und sich im Stadion endlich mal kreativ und engagiert präsentieren wollen, wird ihnen dieser letzte Handlungsspielraum auch noch genommen. Sie fühlen sich nicht ernst genommen, störend und eingeengt. Diese Unzufriedenheit und Ohnmacht mag eine Ursache der Radikalisierung eines Teils der Ultras sein, zur Erklärung der aktuellen Entwicklung in Richtung Gewalteventkultur und Entgrenzung von Gewalt reicht sie aber nicht aus. Leistner (2008) macht  am Beispiel von verfeindeten Fanszenen in Leipzig auf eine weitere sehr ernst zunehmende Entwicklung aufmerksam: Weg von spieltagsbezogener Gewalt im Sinne von ritualisierten Aggro-Inszenierungen, hin zu geplanten Zugüberfällen und spieltagsunabhängiger Gewalt in Sinne von gangtypischen Auseinandersetzungen und Überfällen auf Wohnungen, Feiern usw.

Die Ultra-Bewegung kann als eine neue Jugendkultur angesehen werden. Eine Jugendkultur in der sich die jugendliche Kreativität, Engagement und Begeisterungsfähigkeit einerseits, andererseits aber eben auch Gewaltbereitschaft, Hass und Feindseligkeit ausleben. Für die Zukunft bleibt abzuwarten, in welche Richtung sich die Ultraszene entwickelt: Setzt sich das große Potenzial an Kreativität, Einfallsreichtum und Engagement der Ultras durch und verdrängt die oben beschriebenen negativen Einflüsse oder geht aus Teilen dieser Szene, den Hooltras ein neues Gewaltpotenzial hervor? Die Entwicklung der Ultraszene ist auf einem Scheideweg und es ist wichtig zu beobachten und erkunden in welche Richtung der Ultrazug fahren wird. Viel wird auch davon abhängen, wie es Verband, Vereinen und Polizei gelingt, auf diese Szene differenziert und sensibel zu reagieren.

Die optische Annäherung der Ultras an die Hooligans, ihr einheitliches Gruppen-Auftreten und das provokant, aggressive Vorgehen gegenüber „Feinden“ wie gegnerische Fans, Ordner und der Polizei, macht es Außenstehenden dabei nicht gerade leicht, die Szene genau einzuschätzen und differenziert behandeln zu können. Dies umso mehr, als Ultras, wie auch (zumindest zurzeit noch) Hooltras auf Polizei und Polizeipräsenz ganz anders reagieren, als Hooligans. Für Kuttenfans, Ultras und Hooltras wirkt die Anwesenheit von Polizei, besonders von BFE´s (Beweissicherungs- und Festnahmeeinheiten) bedrohend und macht sie aggressiv. Für Hooligans ist umgekehrt die Abwesenheit von Polizei geradezu eine Einladung zum Ausleben ihrer Gewaltbedürfnisse und –fantasien, bzw. bedeutet die Anwesenheit von Polizei und BFE´s zunächst einmal eine Aufwertung und dann auch eine Herausforderung. Man sieht in der Polizei schließlich sogar so etwas wie einen sportlichen Gegner mit dem man sich misst getreu dem Motto „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Hooligans erwarten von der Polizei also, dass sie konsequent einschreitet und „Null-Toleranz“ zeigt. Das Prinzip der Deeskalation, dies wird hier sehr deutlich, setzt je nach Fangruppierungen sehr unterschiedliche Maßnahmen voraus. Ist bei Ultras eher das Prinzip „die Polizei dein Freund und Helfer“, ein verdeckter Polizeieinsatz geboten, ist bei Hooligans eher eine deutliche Präsenz angesagt.

Mit Pädagogik, auch mit Erlebnispädagogik erreicht man bei Hooligans, wenn junge Menschen erstmals an der Faszination der Gewalt gelechzt haben, nichts mehr oder nicht mehr viel. Da hilft dann wohl nur noch nur noch Repression. Dies gilt auch für Ultras oder Hooltras, die sich der spieltagunabhängigen Gewalt verschrieben haben. Entsprechend sehen Fan-Projekte ihre Hauptaufgabe auch mehr im Verhindern, dass junge Menschen in diese Szene abdriften bzw. hineinwachsen und weniger darin, gewaltfaszinierte Hooligans vom Ausleben ihrer Gewaltfantasien abzubringen. Hier scheint die Aufgabenteilung klar: Im ersten Fall ist die Sozialpädagogik, sind körper- und bewegungsbezogene Angebote gefordert, im zweiten Fall die Polizei.

Bezüglich der Reaktionen auf hooliganspezifisches Verhalten und Bemühungen zur Prävention von Gewalthandlungen jugendlicher Gewalthandlungen ist entsprechend STEINHILPER (1987, 73) zuzustimmen, wenn er resümierend schreibt: „Rasche Antworten sollten misstrauisch machen. Je nach der Ursache sieht die Therapie unterschiedlich aus. Handelt es sich um persönlichkeitsabhängige Kriminalität, so erscheint mehr Kontrolle, mehr Regelung notwendig. Ist Gewalt dagegen die Antwort auf gesellschaftliche Struktureffekte, Ausdruck einer Sinnkrise, Beweis für Identitätssuche und Perspektivlosigkeit, Verarmung familiärer und sozialer Bindungen, so sind die Antworten auf die Frage nach der Vorbeugung viel komplizierter, die Frage nach der Schuld trifft viele und diese zu einem recht frühen Zeitpunkt. Vorbeugung kann nicht gelingen durch Verbote, sondern könnte unter Umständen am ehesten erreicht werden, durch Belassung der Provokation im eng umgrenzten, kontrollierten Bereich des Fußballstadions“.

Verschließen wir nicht die Augen vor der von ZINNECKER bereits 1987 formulierten These, dass nicht nur die Verkommerzialisierung des Fußballsports und die damit verbundene Entfremdung der Fans von den Vereinen Gewaltpotentiale mittelbar freisetzt, sondern dass auch aufgrund der gewaltbejahenden Strukturen Jugendliche erst das Freizeitangebot Fußball schätzen lernen. Kein anderer Mannschaftssport gewährt seinen Zuschauern ein räumlich größeres Handlungsfeld. Abweichende Handlungen lassen sich hier besonders publikumswirksam herausstellen. Und darauf, sowie auf die zum Teil entgegen gesetzten Entwicklungen jeweils angemessen und angepasst zu reagieren ist eine der großen und sicherlich nicht leichten Aufgaben von Verband, Vereinen, Sozialarbeit und Polizei. Der Schlüssel zum angemessenen Reagieren scheint mir im dem Begriff „Raum“ zu liegen. Die ordnungs- und sozialpolitischen Herausforderungen bestehen darin,

 

  • die Räume der Hooligans und Hooltras einzuengen, klar Grenzen setzen, vor allem da, wo die Gewalt entregelt, entgrenzt wird;
  • den ULTRAS und Fans Räume zu belassen, zu geben, wo sie ihren Bedürfnissen nach Selbstinszenierung, Selbstpräsentation, Choreografien und Identifikation gerecht werden können, sie aber gleichzeitig auch bezüglich des Einhaltens von Regeln, von allgemein gültigen Normen des Fairplay, der Abkehr von Gewalt und rechtem Gedankengut in die Pflicht zu nehmen;


Während es also bei den Hooligans und „Hooltras“ darum geht, deren Handlungsräume eng zu machen und staatliche Repression im Sinne von deutlicher Präsenz, Null-Toleranz, d.h. konsequentem Eingreifen der Polizei gefordert sind, gilt es den Ultras Freiräume zu schaffen, bzw. zu bewahren, die es ihnen ermöglichen, sich selbst zu verwirklichen, einen Sinn in ihrem und für ihr Leben zu finden, Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln und eben auch einfach ein wenig Spannung und Abenteuer zu erfahren.

Entsprechend ergeben sich bei den Ultras im Spannungsfeld von Prävention und Repression drei Pfeiler der Gewaltprävention:

  1. Selbstregulierung: die Fans dazu zu befähigen, zu ermutigen und zu unterstützen selbst bestimmt Grenzen zu setzen und die eigene Szene zu befrieden (im Sinne des "self policing")
  2. Prävention: Schaffung und Erhalt von Fanprojekten gemäß dem Nationalen Konzept Sport und Sicherheit: Soziale Arbeit mit Fans und Einsetzen von Fanbeauftragten bei den Vereinen und Verbänden: Fan-Betreuungsarbeit
  3. Repression: Durchsetzen von ordnungspolitischen Regularien durch Polizei und Ordnungsdienste der Vereine: Grenzen setzen und bewahren


Um Gewalt und Eskalationsprozesse von Gewalt zu vermeiden bzw. zu verringern, müssen zunächst Selbstregulierungen innerhalb der Fanszenen gefördert werden. Die ordnungspolitischen Institutionen müssen möglichst auf diese Selbstregulierungen setzen und sie einfordern und unterstützen um Solidarisierungsprozesse der Fans gegen die Polizei zu verhindern. Wenn Polizei dennoch einschreiten muss, ist einerseits von nicht gewaltbereiten Fans ein Verzicht auf Solidarisierungen mit den Gewaltbereiten abzuverlangen andererseits durch den Einsatz so genannter Konfliktbeamter polizeiliches Handelns transparent zu machen. Dass dies erfolgreich ist und auch bei den betroffenen Ultras gut ankommt, hat der Einsatz von Konfliktmanagern bei Bundesligaeinsätzen in Hannover eindrucksvoll bestätigt (Zentrale Polizeidirektion Hannover 2008).

Im Rahmen des deutschen Nationalen Konzeptes Sport und Sicherheit wurde ein ausgeklügeltes, Repression und Prävention gut ausbalancierendes Konzept zur Befriedung des Fußballumfeldes entwickelt. Fan-Projekte zur sozialpädagogischen Betreuung der Fans und zur Brechung der Gewaltfantasien von Hooligans wurden eingerichtet. Fan-Betreuer, die die Aufgabe haben die verloren gegangene Nähe der Vereine und der Spieler zu ihren Anhängern wieder herzustellen werden vom DFB für jeden Verein verbindlich vorgeschrieben, moderne Stadien, die nicht nur dem Komfort erhöhen, sondern auch die Nähe der Zuschauer zum Spielfeld wie zu früheren Zeiten herstellen, all dies und eine aktive Ultraszene die sich engagiert gegen die Auswüchse der Kommerzialisierung des Profifußballs stellte und stellt und für die traditionelle Fußballkultur kämpft, aber auch eine Ultraszene, die im Sinne der Selbstregulierung auch gegen Auswüchse in den eigenen Reihen engagiert angeht, können dazu beitragen , dass das, was ich einmal als die Seele des Fußballs beschrieben habe (PILZ 2002) und pathetisch auch als der Geist der Schlachtenbummler der 50er Jahre bezeichnet werden kann, wieder auflebt in einer der Zeit angepassten, aber die Faszination des Fußballspiels und der Fußballkultur bewahrenden Weise.

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Heimspiel
Film/Spot, 21:34 Min.

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